Letzte Aktualisierung: 19.04.2017

Kurze Geschichte des Ökolandbaus

Die Entwicklung der ökologischen Bewegung in der Landwirtschaft lässt sich mindestens bis ins 18. Jahrhundert zurück verfolgen. Bis dahin wurde die Natur praktisch nur als feindlich wahrgenommen. Sie holte sich alles was nicht mit großer Mühe bearbeitet und gepflegt wurde in relativ kurzer Zeit wieder zurück. Die zivilisatorische Technik reichte einfach noch nicht aus, um Umweltschäden im heutigen Sinne anzurichten. Die ökologischen Folgen des Jahrhunderte andauernden Raubbaus in der Antike (z. B. die Entwaldung Griechenlands und Italiens) waren noch nicht erkannt, die Zerstörungen durch den Kolonialismus in Übersee standen erst am Anfang. Im Übrigen gab es noch keine wissenschaftliche Agrarkultur; fast alles wurde mündlich überliefert, Landwirtschaft basierte auf Erfahrungswissen.

Die Anfänge

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) und Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778) waren unter den ersten, die im abendländischen Bewusstsein die Natur als etwas beschrieben, das es zu pflegen gilt. Freilich noch nicht zu Schutzzwecken, sondern weil sie erkannt haben, dass die Natur Teil des Menschen - oder umgekehrt - ist. Dies äussert sich auch darin, dass sie die ersten waren, die das Reisen um seiner selbst willen thematisierten: Reisen war für beide nicht nur mühevolle und gefährliche Bewegung von A nach B, sondern an sich Mittel zur Erkenntnis.

Die anfänglichen Gemeinsamkeiten ihrer Perspektive auf die Natur entfernte sich durch ihre unterschiedliche Methodik und die unterschiedlich geführte Diskussion ihrer Ansätze in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen und Kontexten.

Goethes Naturphilosophie war eher spirituell, Rousseaus eher humanistisch geprägt. Auch wenn Goethe sich selbst gegen die Romantik verwahrte, kann man ihn und sein Umfeld als deren Begründer auffassen. Rousseau hingegen kann als der Urvater einer intellektuellen Naturbetrachtung gelten. Obwohl die Grenzen beider Strömungen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein recht fliessend und mehr sozial als sachlich begründet waren.

 

Die „rousseausche Strömung“ vollzog sich in einer Vielzahl von Individualisten, die unbeirrt ihren Weg gingen. Zu nennen seien insbesondere Henry D. Thoreau (1817 - 1862), der den Weg der ökologischen Selbstversorgung begründete, Franklin Hiram King (1848 - 1911), der in Ostasien das Prinzip der Kreislaufwirtschaft und Permakultur studierte, und Raoul Heinrich Francé (1874 - 1943), der streng wissenschaftlich wertvolle Zusammenhänge im Ökosystem entdeckte. Alle drei (und viele andere auch) standen mehr oder weniger alleine gegen eine Schulmeinung, von der sie sogar diffamiert wurden. Erst in den 1930er und 1940er Jahren gelang es dem Schweizer Ehepaar Maria (1894 - 1969) und Hans Müller (1891 - 1988) aus der Reformbewegung der 1920er Jahre heraus der organisch-biologischen Wirtschaftsweise zunächst wenigstens in Mitteleuropa ein einheitlicheres Gesicht zu geben. Die Gründung des ersten organisch-biologischen Anbauverbandes (Bioland) liess aber noch bis 1971 auf sich warten; Bioland ist mittlerweile zum grössten Bio-Anbauverband Deutschlands und weltweit geworden.


Ganz anders verlief die Entwicklung in der „goetheanischen Strömung“: Rudolf Steiner (1861 - 1925) entstammte einfachen Verhältnissen, zeigte aber schon sehr früh intellektuelles Talent und grossen Fleiss. Nach der Realschule konnte er in Wien die Naturwissenschaften studieren. Seine regelmässigen Bahnfahrten dorthin teilte er mit dem kauzigen Kräutersammler und Mystiker Felix Koguzki, der wiederum von Joseph Ennemoser (1787 - 1854),  einem wichtiger Vertreter der romantischen Naturphilosophie, beeinflusst war.  Ennemoser entwickelte u. a. die traditionelle Pflanzenheilkunde und Hypnosetherapie und war bis zu seiner Flucht nach Bonn Mitstreiter des Tiroler Rebellen Andreas Hofer.

Später, in seiner Weimarer Zeit, studierte Steiner das naturwissenschaftliche Gesamtwerk Goethes und gab es heraus. Er bewegte sich bald in einem durchaus einflussreichen und wirtschaftlich potenten Umfeld, das ihm auch durch sein unglaubliches Redetalent eröffnet wurde. Dies ermöglichte frühzeitig eine konsequente und wirkungsvolle Organisation seines Schaffens, zunächst in der „Theosophischen Gesellschaft“, von der er sich aber trennte und um 1912 schrittweise die „Anthroposophische Gesellschaft“ gründete.

Der "Landwirtschaftliche Kurs" und Demeter

Mit den „Geisteswissenschaftlichen Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft“ („Landwirtschaftlicher Kurs“), die er während eines mehrtägigen Seminars über Pfingsten 1924 in Koberwitz bei Breslau vorstellte, begründete Steiner die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, erlebte deren Organisation aber nicht mehr. Immerhin ermöglichten die schon bestehenden Strukturen der „Anthroposophischen Gesellschaft“ den raschen Aufbau des „Versuchsring anthroposophischer Landwirte“. 1928, drei Jahre nach Steiners Tod, wurde das Demeter-Warenzeichen eingetragen und 1932 der „Demeter-Wirtschaftsverbund“ gegründet. In der zweiten Hälfte des III. Reiches wurden schliesslich alle Demeter-Organisationen verboten, in der DDR blieben sie dies offiziell bis zur Wiedervereinigung 1989.


1946 reorganisierte sich in Westdeutschland der Verband in Stuttgart als „Forschungsring“, der 1950 zum ersten Mal die Zeitschrift „Lebendige Erde“ heraus gab. In den 1950er Jahren entstanden der „Demeter-Bund“ (1954) und der Vorläufer des „Demeter-Marktforum“ (AVV, 1958).

In den 1960er Jahren gelangen die ersten Schritte in die allgemeine Forschung (Universitäten, Hochschulen) und politischen Beratungsgremien (z. B. Stellungnahmen zu Entwürfen von Pflanzenschutzgesetz und Düngemittelverordnung). Ausserdem zog Demeter von Stuttgart nach Darmstadt um.

1992 wurden die „Internationalen Demeter-Richtlinien“ verabschiedet und 1997 der „Demeter-International e.V.“ gegründet.

Eine grosse Strukturreform zwischen 2006 bis 2008 beliess nur noch den „Forschungsring“ als Träger und den „Demeter e.V.“ als Verwalter der Marke „Demeter“, sowie die weitgehend eigenständigen Landesgruppen als Verwaltungsorgane. „Demeter e.V.“ ist nach wie vor der einzige biologisch-dynamische Anbauverband weltweit.


Die anfängliche Konkurrenz zwischen den Bio-Anbauverbänden, die sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu verschärfen drohte, weicht zunehmend einer nationalen und internationalen Zusammenarbeit; nicht zu letzt durch die 1972 gegründete IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements).

Neben den erwähnten Anbauverbänden Demeter und Bioland, sind noch Naturland (seit 1982), Gäa (seit 1988, noch in der ehemaligen DDR gegründet) und Ecovin (1985 gegründeter Verband ökologisch wirtschaftender Winzer) zu nennen. Schliesslich gibt es noch einige kleinere Verbände, die aber nur regionale Bedeutung haben.

"EU-Bio"

Das 2001 eingeführte staatliche Deutsche Bio-Siegel und das seit 2010 übernommene EU-Bio-Siegel stellen gegenüber den Richtlinien der Öko-Anbauverbände nur einen Mindeststandard dar. Zwar müssen die Anforderungen zur Erteilung des EU-Siegels von Bioland, Demeter usw. ebenfalls erfüllt werden und sind die Basis der Verbandskontrolle, ihre Anforderungen gehen aber weit über die EU-Richtlinien hinaus. So ist etwa von seiten der EU-Zertifizierung die Frage der Futtermittelerzeugung nicht eindeutig geregelt, die Anforderungen an Düngemittelzufuhr von aussen reicht nicht über die übliche Düngeverordnung und es sind immerhin 5 % konventionelle Beimengungen erlaubt. Weiter werden beispielsweise die in Artikel 16 (1) der Verordnung Nr. 834/2007 vom 28. Juni 2007 geregelten Einschränkungen des synthetischen Pflanzenschutzmitteleinsatzes in 16 (2) faktisch wieder aufgehoben, wenn deren „Verwendung (...) unerlässlich für die Bekämpfung eines Schadorganismus oder einer bestimmten Krankheit (ist), zu deren Bekämpfung keine anderen biologischen, physischen, züchterischen Alternativen oder anbautechnischen Praktiken oder sonstigen effizienten Bewirtschaftungspraktiken zur Verfügung stehen“ , Art. 16 (2) c) i). Ausserdem lassen die EU-Bestimmungen im selben Unternehmen auch konventionelle Betriebsteile zu, was bei allen Öko-Anbauverbänden kategorisch ausgeschlossen ist.